Prostitutionsverbot geht am Kern vorbei

Nach Schweden will jetzt auch Frankreich die Prostitution verbieten und das “Freien” unter Strafe stellen  >> zum Spiegel-Online-Artikel vom 30.3.11. Prostitutionsbefürworter befürchten, dass ähnliche Reglementierungen auch in Deutschland Fuß fassen könnten.

Zwischen Prostitutionsgegnern und -befürwortern wird – wie in nahezu jeder politischen Diskussion – extrem polarisiert. Betrachtet man die unter der Oberfläche liegenden, fest zementierten Glaubenssätze zum Thema Prostitution, fühlt man sich postwendend ins Mittelalter zurückversetzt. Uralte Energien von Sex, Macht und Geld kämpfen dort um ihre Pfründe und bewegen sich dabei keinen Zentimeter von der Stelle. Nach außen ist jeder der Beteiligten bemüht, die Fassade der Selbstbestimmung und Fortschrittlichkeit aufrecht zu erhalten; in Wahrheit geht es jedoch auch hier nur um eines: Die Durchsetzung der eigenen Interessen, wenn auch mit teilweise “neuen” Argumenten.

Einige wenige Idealisten mag es geben, die sich für eine bewusstere Wahrnehmung der Umstände einsetzen…. bei der öffentlichen Diskussion dominieren jedoch die Motive Wahlstimmenfang, Geldgier, die Forderung nach sexueller Selbstbestimmung, Macht und Ohnmacht und eine in den 60er Jahren stehengebliebene Frauenbewegung.

Die Befürworter des Prostitutionsverbots erklären alle Prostituierten zu Opfern, die es zu schützen gilt. Man spricht ihnen jegliche Eigenverantwortung ab, entmündigt sie zu “ihrem eigenen Wohl”. Natürlich wird es Prostituierte geben, die sich als Opfer fühlen (wie jeder andere Mensch auch) und das auch so erleben. Ein Gesetz wird sie von diesem Gefühl jedoch nicht befreien können – dazu ist Bewusstseinsarbeit und Selbstreflektion erforderlich. Wer die nicht aufbringen kann oder will, wird sich zwangsläufig als Opfer fühlen und selbstzerstörerische Lebensumstände geradezu magisch anziehen. Oder wird es demnächst auch Gesetzesentwürfe geben, die autoaggressive Handlungen wie Ritzen, Brennen, Bulimie u.ä. verbieten sollen? Möglichst noch unter Strafandrohung?! Wie lächerlich!! Ein weiteres Beispiel von vielen für sinnentleerte, absurde und kontraproduktive Gesetzgebung.

Hand in Hand mit der Entmündigung der “Opfer-Prostituierten” geht die Entmündigung selbstbestimmter Prostituierter, die ihrer Tätigkeit freiwillig und mit Freude (?) nachgehen. Das kommt einer Vergewaltigung gleich. Jemand wird per Gesetz an der Ausübung seines Broterwerbs gehindert – aus diversen “moralischen” Erwägungen. Warum verbietet man dann nicht auch das Bankwesen? Die “moralische” Fragwürdigkeit steht der der Prostitutionsausübung in nichts nach.

Den Freiern, Buchern, Klienten (oder wie man sie auch immer nennen will) wird mit dieser Gesetzgebung noch übler mitgespielt. Sie werden per se zu “Tätern” erklärt und unter Strafe gestellt. Sexdienstleistungen zu kaufen wird somit zu einer kriminellen Handlung, die entsprechend geahndet werden soll. Grundsätzlich und oberflächlich betrachtet, sehe ich nichts Kriminelles oder die Würde der Frau Antastendes darin, wenn für Sex bezahlt wird. Geld gegen Dienstleistung ist ein fairer Tausch, wenn die Grundlage dieses Tausches auf Freiwilligkeit, Gewaltfreiheit und Anstand beruht. Niemand kann die Würde eines anderen Menschen antasten, wenn dieser es nicht erlaubt (bewusst oder unbewusst).

Sollte bis hierher der Eindruck entstanden sein, ich gehöre zu den Prostitutionsbefürwortern, werde ich das nun relativieren müssen. Ich bin weder noch… und erkläre auch warum:

Zum Geschlecht der Frauen (die ja per Gesetz geschützt werden sollen) gehören nicht nur Prostituierte (egal ob mit oder ohne Eigenverantwortung), sondern auch eine recht große, indirekt beteiligte Gruppe: Nämlich die der betrogenen, gehörnten, hintergangenen (egal, wie Sie es nennen wollen) Frauen, deren Lebenspartner (meistens heimlich) Sexdienstleistungen kaufen und die in keiner öffentlichen Diskussion erwähnt werden.

Wenn der Gesetzgeber so erpicht darauf ist, “schwächeren” Minderheiten schützend unter die Arme zu greifen – warum klammert er dann einzelne Gruppierungen von dieser Maßgabe aus? Vor unlauteren Telefonverkäufen und betrügerischen Anlageberatungen wird ja auch per Gesetzentwurf geschützt.

Was ich damit sagen will? Die krampfhaften Versuche der Politiker, jede gerade in den Brennpunkt des öffentlichen Interesses rückende, vermeintlich benachteiligte Gruppe per Gesetz retten zu wollen, kann nur scheitern.

1. Weil sie niemals JEDEN Benachteiligten retten können und zwangsläufig ein Ungleichgewicht hervorrufen, was wiederum eine Benachteiligung der “Vergessenen” nach sich zieht.

2. Wenn sie es versuchen würden, zöge das einen noch unübersichtlicheren Dschungel an Gesetzesfußangeln nach sich, der zu völliger Unfreiheit und Entmündigung des Einzelnen führen würde.

Wo liegt die Lösung für dieses Dilemma? Ich meine, weg von der Entmündigung durch immer engere, abstrusere Gesetze und hin zur Eigenverantwortung jedes Einzelnen (womit ich keinesfalls der Straffreiheit für Kindesmissbrauch das Wort reden will).

Prostituierte sind – ebenso wie “betrogene Ehefrauen” – erwachsene Menschen, die sich bewusst für eine Tätigkeit entschieden haben. Wären sie nicht in der Lage sich zu entscheiden, fielen sie (wieder ein Gesetz) in die Kategorie der “nicht Geschäftsfähigen” und erhielten einen Vormund. Ebenso wenig armes Opfer sind betrogene Frauen, die sich fragen dürfen, warum Betrug in ihrem Leben eine Rolle spielt. Und auch die gebundenen Kunden von Prostituierten sind nicht Opfer ihrer Ehefrauen oder Lebensumstände, sondern selbstbestimmt und verantwortlich für den Betrug, den sie an ihren Frauen (ausgenommen sind Singles und in “offenen Beziehungen” Lebende) begehen.

Wie wunderbar, wenn einer nicht mehr die Verantwortung auf den anderen abschieben kann. Dann müssten nämlich auch Prostituierte die Verantwortung für die ihnen gesellschaftlich “auferlegte” Stigmatisierung übernehmen, unter der sie, wie man überall nachlesen kann, leiden. Sie dürfen sich fragen, wieviel sie selbst dazu beitragen durch die Beihilfe zum Betrug an anderen Frauen, durch Lügen und geschäftsförderliche ”Diskretion”. Denn auch diese Verantwortung wird gern mit Unwissenheit, “Was habe ich damit zu tun?” und “Treue – wie spießig” geleugnet.

Was wäre das für eine wunderbare Welt, in der jeder die volle Verantwortung für sein Tun und Sein übernimmt, in der niemand mehr Ja sagt, obwohl er Nein meint, in der nicht mehr zum eigenen Vorteil gelogen wird und in der die Berücksichtigung der Bedürfnisse anderer Menschen nicht zwangsläufig mit den eigenen Bedürfnissen kollidieren bzw. einer unbewussten Egozentrik geopfert werden müssen. Nur ein Traum? Vielleicht, aber ich träume weiter :-)

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